Porträt:
Ende der 80er Jahre war Reggae eigentlich ziemlich out. Bestenfalls zogen ein paar Hippies zu Bob Marley einen Joint durch. Auch Oliver Schrader hörte zu dieser Zeit lieber Punkrock. Irgendwann fing allerdings das lebensverneinende Wehklagen der Punks an, ihn zu nerven. Durch einen Zufall kam er mit Reggae in Berührung und plötzlich war es um ihn geschehen: "Mit einem Mal habe ich die ganze Bandbreite dieser Musik erkannt", erinnert er sich. Und von da an gab es kein Zurück mehr. Der 12. Juli 1991 war die Geburtsstunde von Silly Walks Movement als Oliver das erste Mal gemeinsam mit David Meier, der damals bei der Hamburger Band Die Iries am Schlagzeug saß, hinter den Plattentellern stand. Statt fand das ganze im "Ministry of Silly Walks", einer von einem Freund besetzten Etage in einem Abrisshaus in der Innenstadt. Diesen Namen haben Oliver und David dann einfach übernommen, obwohl er nicht gerade Reggae-typisch klingt.
"Aber wir sind eben keine Jamaikaner und wollen die auch nicht eins zu eins kopieren", sagt Oliver, der sich ohnehin vielmehr seinem eigenen Geschmack verpflichtet fühlt als den gängigen Hits. "In Jamaika ist das so, wie vielerorts auf der Welt: Da werden die Hits rauf und runter gespielt und was es sonst noch so gibt an Musik, kriegt man kaum mit." Oliver ist konsequent und spielt nur das, was ihm gefällt. Dem Publikum gefällt's, denn seit den Anfangszeiten haben Silly Walks eine treue Fangemeinde, die weiß, dass es immer eine gute Party wird, wenn Oliver und David an den Plattenspielern rocken. Dabei verzichten sie im Gegensatz zu anderen angesagten Reggae-Soundsystems auf Dubplates. Das sind eigens eingesungene Versionen bekannter Hits, bei denen zB. der Name des Soundsystems immer wieder in den Text eingebaut wird. "Abgesehen davon, dass viele Dubplates eine lausige Qualität haben, finde ich nicht, dass sich die Qualität eines Soundsystems über die Anzahl der Dubplates definiert", sagt Oliver, dem es ohnehin zu mühsam wäre, zweimal im Jahr nach Jamaika zu fliegen, um immer neue Dubplates zu bekommen. Da spiele er lieber die Originalplatte und die Leute gehen trotzdem ab.
Zu Beginn hatten David und Oliver prominente Unterstützung von Gentleman als MC. 1995 entstand mit ihm die erste Eigenproduktion von Silly Walks. Damals gab es ein Veranstaltungskollektiv namens Soundnavigator und es existierte ein Studio, das sie dann einfach mal ausprobiert haben. "Irgendwann zerschlug sich dieses Kollektiv, aber das Studio gab es weiter und dann haben wir uns entschieden, unsere eigenen Sounds zu machen." In der zweiten Hälfte der 90er folgten Remixe, zB. für All Saints, Freundeskreis, Buddha Monk oder die Fantastischen Vier. Doch dann begannen Silly Walks, eigene Songs zu machen und Ende 2002 erschien das viel beachtete Album "Songs of Melody". Für die Produktion baten Oliver und David ihre alten Freunde Max Herre, Gentleman oder Jan Delay sowie Newcomer wie Martin Jondo oder Caramello Criminal ins Studio. Dann ging es zum ersten Mal nach Jamaika. "Es war schon aufregend", sagt Oliver. "Nach über zehn Jahren, in denen wir jamaikanische Musik aufgelegt haben, zum ersten Mal auf der Insel zu sein und dann auch noch so was Wichtiges vorzuhaben." Er schwärmt von der Intensität der Arbeit auf Jamaika: "Da ist eine unglaubliche Energie im Studio. Da hängen lauter Leute rum, die da eigentlich gar nichts verloren haben, aber die sorgen für Stimmung und wenn der Song dann gut ist, gehen die auch richtig ab."
Auch das Nachfolge-Album "Silly Walks meets Patrice" fand ein Jahr später viel Beachtung. Gefragt nach Vorbildern und Größen, verweist Oliver auf Roots-Sänger Garnet Silk, der Anfang der 90er eine neue Ära des Conscious-Reggae einläutete. "Ich hatte bis dahin eher die harten Sachen gehört, aber dieser Mann hat mich bis ins Mark gerührt." Auch Sizzla, der unlängst wegen homophober Texte in die Schlagzeiten geriet, bewundert Oliver schon allein wegen seines unglaublichen kreativen Outputs: "Auch wenn mir die Hälfte seiner Songs gar nicht gefällt, halte ich ihn trotz aller Kontroversen für den größten lebenden Künstler und einen begnadeten Songwriter." Zum Thema Homophobie hat Oliver allerdings eine klare Haltung: "Ich spiele so was nicht. Da geht einem zwar der ein oder andere Hit durch die Lappen, aber es gibt genug gute Musik, die man spielen kann." Silly Walks sind regelmäßige Gäste auf großen Festivals wie dem Summerjam, sind außer in Deutschland auch in der Schweiz, Österreich, Italien, Schweden oder Slowenien gefragt. Für Oliver ist klar, dass es mit Silly Walks weitergehen wird, auch, wenn der momentane Reggaehype wieder abklingt. Dafür hat ihn die Musik viel zu sehr in ihren Bann gezogen. Das Publikum wird es ihnen danken.
Oliver Schrader inmitten seiner 7''-Singles. Silly Walks Movement steht für erstklassigen Reggae und Dancehall, obwohl Oliver durchaus offen für andere Stile ist. Zur Zeit bringt er die Tanzfläche gern mit Soca- oder Reggaeton-Einlagen zum kochen. Bei seinen regelmäßigen Abenden in der Astrastube nimmt er das Publikum bisweilen hart ran: "Wenn ich da den ganzen Abend 70er-Dub spielen will, dann mache ich das auch, da müssen die Leute dann eben durch", grinst er.
Silly Walks Selection Dancehall style. Jeden Mittwoch ab 22.30 Uhr in der Astrastube (Stresemannstraße)
Text: Annette Riestenpatt
Fotos: Silly Walks
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