Rechts und links tost der Verkehr der Autobahn vorbei, doch wie ein Fels in der Brandung thront das Mercedes-Haus auf den Elbbrücken. Und dort, im sechsten Stock residiert das Büro von üNN (LINK). Einer der drei Gründer, Rolf Kellner liebt diesen Ort. "Wir haben diesen Standpunkt gezielt gewählt", sagt er und lässt den Blick über die grandiose Aussicht schweifen, "Denn hier sind wir im Mittelpunkt des Geschehens und können die Entwicklungen der wachsenden Stadt und der Hafencity wie von einem Kontrollpunkt aus überwachen."
überNormalNull ist ein Büro für Kunst, Bauen und Stadtentwicklung. Diese Themen haben Stadtplaner und Architekten Kellner schon immer besonders interessiert. Der 33-Jährige studierte Architektur und Stadtplanung an der HfbK und machte sich nach seinem Abschluss an der Kunsthochschule selbstständig. Kulturelle Sukzession lautet das Stichwort. "Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung und Reparatur von Orten", umschreibt er seine Arbeit. Besonders der künstlerische Aspekt hat es ihm dabei angetan, weil dieser durch eine spielerische Herangehensweise andere, neue Ansätze entstehen lässt. "In der Architektur und Stadtplanung muss man auf so viele Gegebenheiten und Dinge Rücksicht nehmen und Vorschriften beachten, dass ich die rücksichtslose Herangehensweise und die Freiheit der Kunst immer wieder als Fluchtort gesucht und gefunden habe."
Das wirkt sich ganz praktisch auf seine Arbeit aus. Orten ein Gesicht geben und Gesichtern einen Ort zu geben, ist das Ziel. "Wir arbeiten eine Idee heraus und sammeln dann Menschen darum herum", erklärt Rolf Kellner. Und um diese Menschen herum wird dann ein Haus gebaut, in dem sie arbeiten oder leben können und das auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Dadurch bekommen die Bewohner eine besondere Verantwortung und bringen sich mehr ein, werden sozusagen zu einem lebendigen Baustein und oft zum Motor von Entwicklungen, überall.
Gewachsene Quartiere, in denen die Menschen sich eingerichtet haben und wo sie tief verwurzelt sind, dieses Ideal ist in der Theorie oft besprochen worden, aber kaum ein Architekt oder Stadtplaner weiß, wie sich das in der Praxis umsetzen ließe. "Wir haben zumindest eine Ahnung", sagt Kellner. Die aktuelle allgemeine Krise kommt ihm da gerade recht, denn dann sind die Menschen offener für Experimente. Also wird kräftig in diese Richtung experimentiert und gespielt. Teilweise mit recht eigenwilligen Mitteln. Konkret wäre da zum Beispiel die musikalische Landart (LINK), die in diesem Jahr am 29. August (Start:15 Uhr Infocenter Kesselhaus/Speicherstadt) stattfindet. Ein Orchester spaziert über die Baustelle Hafencity. Der Weg ist immer derselbe, aber der Ort verändert sich von Jahr zu Jahr und die Musiker experimentieren und improvisieren mit den Gegebenheiten dieses einzigartigen Ortes. Die Streicher, Trompeten oder Albhörner klingen anders, je nachdem, ob sich ihr Klang auf dem Wasser des Hafenbeckens spiegelt oder in den Fassaden der entstehenden Neubauten bricht. "Die Veränderung des Ortes wird spürbar und für die Besucher entsteht ein besonderer Bezug zu eben diesem Ort, weil er durch dieses besondere Ereignis in die Herzen der Menschen gelangt", wie Rolf Kellner es ausdrückt. So bringt sich üNN ins Spiel und weckt das Interesse für Bauen und Stadtentwicklung. "Und das alles ohne großen Investor und abstrakte Modelle, unter denen sich keiner was vorstellen mag, weil es so fremd und abstrakt, kalt, wirkt", freut sich der Stadtplaner.
Mit drei Landschaftsarchitekten entstand das Projekt Hafensafari (LINK). Dabei ist das Wort Safari durchaus wörtlich zu nehmen, man geht los und entdeckt buchstäblich den Ort Hafen. Unter Mitwirkung verschiedener Künstler wurde ein Kunst-Parcours eingerichtet. Bei einem Spaziergang kann der Besucher verschiedene Installationen bewundern an einem Ort, der im Wandel begriffen ist. "Viele Menschen hören von den Orten, aber kennen sie nicht. Das wollen wir ändern.", erklärt Rolf Kellner die Idee. Die diesjährige Hafensafari findet vom 13. bis 29. August 2004 statt (Mo - Do 18h, Fr + Sa 20h, So 15h / Start: S-Bahnhof Veddel – Ausgang Nord: Richtung Hafen).
Die jedes Jahr um Ostern herum stattfindenden Kreuzwege (LINK) sind eine Kooperation der Kirche als Ort und nicht als Institution. "Weil die meisten Menschen die Kirche eher von außen wahrnehmen", erklärt Rolf Kellner. Das Katharinenviertel mit Speicherstadt und Hafencity macht Kellner zufolge sowohl die Wunden alsauch die Chancen der Stadt im Wandel erkennbar. In einem mystischen Spaziergang durch die verschiedenen Stadtalter erlebt der Besucher Altstadt, Speicherstadt und Hafencity unter Einbeziehung von Musik, Kunst- und Lichtinstallationen auf völlig neue Weise.