Portrait:
„Einen richtigen Gründungsmythos“, erklärt Marc Frese „gibt es eigentlich gar nicht. Das kam alles so nach und nach.“ Marc Frese, Jan Billhardt und Melanie Reiling haben vor dem Studium als Krankenpfleger im UKE gearbeitet, sich dort kennen gelernt und gleich eine Band mit dem Namen „die mögliche Aue“ gegründet, die den Ausgangspunkt für alle weiteren Projekte des noch zu gründenden Verlages darstellte. 1997 erschien die erste Demokassette. „Damals war unser Name noch Programm“, beschreibt Marc Frese die Anfänge von Minimal Trash Art. Er bezieht sich dabei vor allem auf die Herstellung der ersten Veröffentlichungen und auf den Ort der Verlagsgründung, das Götz von Berlichingen. Heute heißt die Kneipe Mutter und ist einer der angesagten Orte in der Schanze. Damals herrschten dort noch Spitzengardine, vergilbte Tapeten und eidotterige Vollbärte.
1998 wurde Minimal Trash Art (kurz: MTA) im Götz von Berlichingen gegründet, denn „wir haben neben der Musik auch immer Texte geschrieben“, so Marc. Die erste Anthologie „Der kalte See“ enthält diese frühen Texte der drei Verlagsgründer und weitere Geschichten, vor allem von Freunden. „Wir wollten nicht für die Schublade produzieren“, fasst Marc Frese die Motivation zusammen. Aus diesem Satz wurde das erste Buch und dann kam jedes Jahr ein neues hinzu. 1999 „kleine Reise zu den Sternen“, 2000 „HERZundUNTERGANG“, 2001 „und alles danach“ und 2003 „Streulicht“. Jedes Jahr eine Anthologie und seit 2000 Lesungen im ganzen Bundesgebiet. In vier Jahren entwickelte sich aus dem low budget Projekt „Der kalte See“, produziert von der Druckerei nebenan, „Streulicht“, das Jubiläums-Buch zum 5-jährigen Bestehen des Verlages, gedruckt auf Hochglanzpapier, mit Audio-CD und ISBN-Nummer. Dass sich im „Streulicht-Projekt“ die drei Ebenen Musik, Text und Fotografie treffen, ist kein Zufall, sondern setzt das Konzept von MTA um.
Seit 2002 sind MTA neben den Gründern Jan Billhardt, Melanie Reiling, Marc Frese auch noch Stefan Boskamp, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit und die Lesungen kümmert, „weil er der Größte ist“, Konstanze Ehrhardt, die sich um das Lektorat kümmert, weil sie das studiert hat und Jan Deichner, der sich um die fotografischen Arbeiten kümmert, weil er damit sein Geld verdient.
Jedes Jahr konnten neue Autoren für die Anthologien gewonnen werden. Die Kontakte entstanden über Lesungen oder über Bekannte. „Wir bekommen auch interessante Bewerbungen über die Internetseite“, erklärt Konstanze Ehrhardt, „da bietet auch mal jemand sein neustes Esoterik-Buch an. Aber an Esoterik sind wir eigentlich nicht so interessiert. Aber einige Erzählungen von Autoren, die wir vorher nicht kannten, sind auch in unseren Büchern erschienen.“ Die außergewöhnlichste Geschichte spielte derweil in der Schanze. Dort verkaufte ein Schriftsteller eigene Texte, um sein Leben auf der Straße zu finanzieren. „Jan hat einfach mal aus Neugierde einen der Texte gekauft und ihn uns vorgelesen. Wir fanden den alle wirklich gut.“ Einige Geschichten des obdachlosen Autors sind dann tatsächlich in den Anthologien „HERZundUNTERGANG“ und „und alles danach“ erschienen. Daran wird auch die Arbeitsweise von MTA deutlich, denn die wichtigen Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen.
„Das spannendste Projekt war sicherlich die 27 Seiten von Josef Voss.“ Konstanze Ehrhardt erzählt von der letzten Veröffentlichung. Die Seiten erzählen die Liebesgeschichte des Josef Voss, der eine Art Tagebuch auf einer ausgemusterten Schreibmaschine, einem Geschenk seiner Firma, verfasst. Jochen Möller hat diese Aufzeichnungen angeblich gefunden. Außergewöhnlich ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Produktion. 27 DIN A4 Seiten mit Schreibmaschine beschrieben, handnummeriert und verpackt in einem geritzten Stülpkarton. Keiner der etablierten Verlage würde sich an so ein Projekt wagen, so bleibt es kleinen Verlagen wie MTA überlassen, diese Ideen umzusetzen.
„Unser Starautor ist vielleicht Benjamin Maack.“ Der Hamburger Autor hat 2004 bei MTA seinen ersten Lyrikband veröffentlicht und gilt nicht erst seit dieser Veröffentlichung als eines der größten Talente der Hamburger Literaturszene. Die erste Auflage ist bereits vergriffen, was für einen Lyrikband sehr beachtlich ist. Selbst für die großen Verlage gelten Auflagen jenseits der 500 Exemplare bei Gedichtbänden als Erfolg, diese Anzahl dürfte Benjamin Maack bereits hinter sich gelassen haben. Dass MTA eine ernstzunehmende Institution der Hamburger Literaturszene ist, zeigen Rezensionen etwa in der taz, der Szene Hamburg, Hamburger Abendblatt, der Zeit und sogar im Bayerischen Rundfunk. Die Welt beginnt ihre Arbeit wahrzunehmen.
Schöne Bücher und CDs zu produzieren, ist das Anliegen von MTA. Bücher von Nachwuchsliteraten und Bücher, die sonst nie erscheinen würden, die nur kleine Verlage produzieren können, denn diese müssen sich an keinem Markt orientieren, müssen keinem Controller Rechenschaft ablegen und können die Bücher oder CDs veröffentlichen, die ihnen am Herzen liegen. „Wir sind frei, auch ausgefallene Sachen zu produzieren.“ So kann zwar keiner von der Verlagsarbeit leben, aber das war auch nie die Intention. Es sollte vor allem Spaß machen und wenn sich das auf das Publikum überträgt, dann ist schon viel erreicht. Mittlerweile kann man die Autoren rund um den Minimal Trash Art Verlag jeden ersten Dienstag im Monat in der Schilleroper beim Geschichtenerzählen zuhören. „TRANSIT“ heißt die Reise durch die Medien, Literatur, Musik und Film, und ist ein gemeinsames Projekt von MTA und dem mairisch Verlag. Ein schönes Beispiel dafür, wie gut die Hamburger Literaturszene funktioniert.
2002 begann MTA damit, neben den Anthologien auch Einzelwerke von Autoren zu veröffentlichen. Oliver Lenze alias 00Holmen machte 2001 den Anfang und legt in „Kolumnen für den Weltfrieden“ den Rechenschaftsbericht eines weltreisenden Agenten vor. Es folgen 2003 Gerrit-Jöns Anders mit dem Roman „Jugendstil“, ein Buch und eine CD im Stil der Beat-Literatur, 2004 der Lyrikband „Du bist es nicht, Coca Cola ist es“ von Benjamin Maack und 2005 „27 Seiten von Josef Voss“ von Jochen Möller.
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Text: Sven Heine
Fotos: MTA
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